Ein Zug, der durchs All braust und eine Mumie, die den Fahrgästen Angst und Schrecken einjagt, das sind die Ingredienzien für etwas, was auf den ersten Blick in die Lächerlichkeit abdriften könnte. Doch zum Glück hält der Drehbuchautor die Spur und beschert uns ein vollwertiges Doctor Who-Abenteuer, das zu keinem Zeitpunkt langweilig oder lächerlich ist. Zurücktreten! Die Türen schließen selbsttätig.

Inhalt:

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[/media-credit] Maisie hat Pläne

Der Doctor und eine stilecht gekleidete Clara Oswald betreten einen Bahnwaggon des legendären Orient Expresses. Irgendjemand hat nicht nur den Zug akribisch nachgebildet, sondern auch die Fahrstrecke mithilfe einer speziellen Wegmarkierung ins All gelegt. Das Ambiente im Jugendstil, die Jazz-Sängerin und die historisch aussehenden Fahrgäste vermitteln ein gutes Feeling und alles könnte so schön sein – inklusive dem Ausblick auf ein schwarzes Loch – wäre da nicht der Todesfall, der sich gerade ereignet hatte.
  • Drehbuch:  Jamie Mathieson
  • Regie: Paul Wilmshurst Schauspieler:
  • Frank Skinner (The Five(ish) Doctors Reboot)
  • David Bamber (The King’s Speech)
  • Daisy Beaumont (Star Stories)
  • Janet Henfrey (The Curse of Fenric)
  • Sängerin Foxes
  • Christopher Villiers (Emmerdale)

Der Doctor ist neugierig, wird aber zunächst mistrauisch beäugt. Sein Psychopapier weist ihn als „Mystery Shopper“ (Testkäufer – Restauranttester) aus und der Fahrdienstleiter ist natürlich alles Andere als begeistert jetzt auch noch jemanden an Bord zu haben, der überall herumnörgeln muss. Den Doctor hält nichts in seiner Schlafkabine und so nimmt er die Ermittlungen auf. Es geschehen weitere Todesfälle und schnell ist klar, dass der „Vorausgesagte“ (eine 5000 Jahre alte Legende) in Gestalt einer Mumie sein Unwesen treibt. Allerdings können nur Todgeweihte die Mumie sehen. Sobald das Licht flackert hat der Delinquent nur noch 66 Sekunden zu leben. Clara entdeckt im Gepäckwagen einen Sarkopharg, der allerdings nur Verpackungsfolie enthält. Doch woher kommt die Mumie?

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[/media-credit] Perkins startet den Countdown

Mithilfe des Mechanikers Perkins kann der Doctor die richtige Spur aufnehmen und plötzlich meldet sich die Stimme des Bordcomputers „Gus“. Die stimmungsvolle Kulisse erweist sich als Fassade und verschwindet, wie auch einige Gäste, die als Holografie mit „hartem Licht“ erzeugt wurden. Übrig bleibt eine Riege von Wissenschaftlern, die wie Doubles von bekannten Forscherpersönlichkeiten aussehen (was sie wohl auch sein sollen). Gus drängt das Team herauszufinden, was es mit der Mumie auf sich hat. Clara findet heraus, dass Gus wohl schon mehrmals Raumschiffsbesatzungen zum Ermitteln genötigt hat. Doch niemand konnte das Geheimnis der Mumie enträtseln.

Dem Doctor gelingt es, in seiner ihm typischen Art, die Lösung zu finden und den Fluch aufzulösen.

Analyse

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[/media-credit] Der Doctor am heißen Draht zu Clara

Es wurde lange ein Geheimnis daraus gemacht, ob Clara Oswald nach den Geschehnissen in „Kill The Moon“ wieder mit dem Doctor unterwegs sein würde. Doch zu aller Überraschung trat Clara lächelnd in den Speisewagen. Und wer musste nicht zweimal hinsehen um zu erkennen, dass das 20er-Jahre Flappergirl mit Bobhaarschnitt und tief ausgeschnittenen Charleston-Kleidchen tatsächlich Clara war? Sie lächelte zwar, drehbuchbedingt, freundlich (und mit einem traurigen Touch, wie der Doctor bemerkte), aber es wirkt beinahe wie ein triumphierendes Lächeln.  „Seht her! Ich bin wieder da!“, scheint ihr Lächeln zu sagen.

Aber auch die Popsängerin Foxes, die zu Anfang eine Jazzversion des Queenhits „Don’t stop me now!“ singen durfte, war ganz im Stil der RoaringTwenties gekleidet. Leider beschränkte sich ihr Auftritt auf den Song und sie verschwand direkt nach dem Auftritt und wurde nicht mehr gesichtet.

Die Folge behandelt vordergründig zwar die titelgebende Mumie, aber die glänzend ausgearbeiteten Dialoge dienten in erster Linie dazu das Zerwürfnis zwischen Clara und dem Doctor aufzuzeigen. Seit „Kill The Moon“ sind drei Wochen vergangen und Clara war wohl mehrfach mit dem Doctor unterwegs, aber sie muss ihm auch gesagt haben, dass sie nur noch einmal mitfliegen wird. Der Doctor bringt es mehrfach zur Sprache.

Der Orientexpress soll ihr „Letztes Hurra!“ sein. Normalerweise, ohne Mumie, hätte es auch ein sehr stimmungsvoller Abschied werden können. Leider muss Clara jedoch feststellen, dass der Doctor durchaus wusste, dass sie keine entspannte Zugfahrt genießen würden sondern dass man den Doctor schon mehrfach auf den Orientexpress locken wollte. Clara ist wütend, dass ihr romantischer Ausklang der Reisetätigkeit nun wieder zu einem neuen Abenteuer wurde.

Bis zum Schluss scheint sie gewillt zu sein jetzt erst recht zuhause zu bleiben und sich der Schule und Danny zu widmen. Doch nachdem der Doctor wieder Menschen gerettet hatte wird ihr klar, dass der Doctor süchtig nach den Abenteuern ist – und dass es ihr nicht anders geht. Statt den Doctor also am Ende traurig zu verlassen stürzt sie sich mit ihm freudig in ein neues Abenteuer.

Orient Express

[/media-credit] Tolle Atmosphäre im Orient Express

Die Folge war, gegenüber „Kill the Moon“, eher eine Sparepisode. Einfachere Computergrafiken, keine Außenschauplätze zu denen man komplette Teams durch Europa karren musste. Und darüber hinaus nur ein Set, das man relativ einfach einrichten und ändern konnte. Aber gerade solche „Bottle-Shows“ stellen sich oft als die Perlen einer Serie heraus. Statt aufwändiger Mega-Action wird auf das Spiel guter Schauspieler und ein dialoglastiges Drehbuch gesetzt, was auch dieser Folge zugute kam.

Die 79-jährige Schauspielerin Janet Henfrey, die gleich zu Anfang von der Mumie „geholt“ wird, war bereits 1989 in der Sylvester McCoy-Episode „The Curse Of Fenric“ (Die Todesbucht der Wikinger) zu sehen. Damals hatte sie es mit Blutsaugern, den „Haemovoren“ zu tun, die irgendwie auch an Mumien oder Zombies erinnerten. Am erfrischensten ist jedoch der Auftritt von Komiker Frank Skinner, der dem deutschen Publikum eher nicht geläufig ist. Seine sehr menschliche Art als Zugmechaniker wurde auch vom Doctor anerkannt, der ihn nicht nur Reparaturen an der TARDIS ausführen ließ sondern ihn sogar einlud mitzufliegen.

Krawatte

[/media-credit] Immer modisch gekleidet

Für die Fanboys gab es auch wieder ein paar Reminiszenzen: Der Doctor trägt fast den gleichen Binder, den er schon in seiner ersten Inkarnation im wilden Westen („The Gunfighters“) getragen hat. Er bietet aus einem Silberetui Jellybabies an und benutzt einmal mehr das Psychopapier, auf dem er als „Mystery Shopper“ ausgewiesen wird. Für diejenigen, denen das kein Begriff ist: Es gibt Agenturen, die Leute zum Testkauf in Einkaufsgeschäfte schicken um den Service und das Ambiente eines Ladens zu überprüfen. Diese erstatten dann Bericht bei ihren Auftragggebern.

Peter Capaldi versteht es einmal mehr dem sprunghaften Charakter des Doctors Leben einzuhauchen. Man merkt dem Doctor an, dass er mit Claras Ausscheiden nicht sehr glücklich ist. Wenn der Doctor ermittelt blitzt immer wieder etwas von Tom Bakers Charakter auf. Und auch wenn er in dem Fall auch eher ein moderner Hercule Poirot ist (Agatha Christie schrieb „Mord im Orient Express“), so erinnert seine Art auch irgendwie an die Weise wie Sherlock Holmes manchmal agiert wenn er die Verdächtigen befragt.

Auffällig ist aber auch, dass der Doctor jedesmal erschrocken zusammenzuckt wenn er von anderen Menschen berührt wird. Das zieht sich nun schon durch alle Episoden durch: Ob es ein hingehauchter Kuss oder ein Rempler am Arm wie in dieser Folge ist. Jedesmal befühlt der Doctor hinterher die Stelle als ob etwas bei der Berührung nicht richtig ist. Leidet er seit neuestem unter Aphephosmophobie oder ist seine aktuelle Inkarnation wohlmöglich nur eine Regeneration auf Probe?

Fazit:

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[/media-credit] Perkins, die gute Seele des Orient Express

Es ist wirklich erstaunlich auf welch hohen Niveau sich die aktuelle Staffel „Doctor Who“ befindet. Hatte man in der zweiten Hälfte der siebten Staffel noch den Eindruck, dass die Einzelepisoden ohne große Überwachung einfach nur heruntergeschrieben wurden, so ist in der achten Staffel die führende Hand von Showrunner Steven Moffat deutlich zu spüren. Es wird, auch wenn wir es mit Fällen der Woche zu tun bekommen, immer wieder eine übergreifende Handlung weitergesponnen. Dabei verlässt sich Moffat sowohl auf routinierte Who-Autoren, setzt aber auch Neuzugänge ein. Peter Harness, Autor von „Kill The Moon“, schrieb früher charakterbasierte Krimis wie „Wallander“, was man der Who-Folge auch ansah. Die Charakterszenen waren stark, die SciFi-Elemente eher unausgegoren.

Jaimie Mathieson, ebenfalls Newcomer bei Doctor Who muss sich bei der  Mumie nicht mit SciFi-Elementen abplagen. Die Mumienstory ähnelt eher einer Agatha Christiegeschichte und so ermittelt der Doctor in bester Hercule Poirot-Manier. Dass Mathieson vorher „Being Human“ schrieb kam ihm wohl zugute. Dort trafen bereits Vampir, Geister und Werwolf aufeinander. Auch seine Comedyerfahrung mit dem holistischen Detektiv „Dirk Gently“ waren bestimmt hilfreich. (Die vier Episoden des „holistischen Detektivs“ sollte man sich ruhig ansehen. Der schräge Humor von Douglas Adams ist nicht jedermanns Sache, erinnert aber stellenweise tatsächlich an den Doctor).

Die titelgebende Mumie sieht wirklich zum fürchten aus. Die Kostümbildner haben gute Arbeit an dem detailreichen Kostüm geleistet. Der Anblick war so eindrucksvoll dass die Mumie von der BBC in den normalen TV-Trailern nicht gezeigt werden durfte. Außerdem war sie wohl auch der Grund dafür dass der Sendetermin ins Abendprogramm verschoben wurde. Zwar wird als offizielle Begründung angegeben, dass man die Show „Strictly Dancing“ vorverlegen wollte, die Wahrheit sieht aber laut Producer Brian Minchin anders aus (Quelle: http://tardis.wikia.com/wiki/DWM_478).

Insgesamt kann man sagen, dass es äußerst schwierig ist die einzelnen Episoden überhaupt mit Wertungen zu versehen. Zu nah liegen die guten Eindrücke beieinander. „Mummy On the Orient Express“ ist sicherlich eine der stärksten Episoden der bisher ausgestrahlten Saison und man darf auf die Folge „Flatline“ gespannt sein, die ebenfalls von Mathieson geschrieben wurde.

Mummy on the Orient Express
82.2 Gesamtwertung
100 Lesermeinung (3 votes)
Dramatik
Humor
Logik
Optik
Musik/Sound
Regie/Drehbuch
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