Fantastic Four – Besser als erwartet?

„Höre nie auf die Propaganda! Glaube nur, was Du siehst!“

Der neue Film „Fantastic Four“ erhitzt momentan die Gemüter, weil er angeblich so schlecht sei. Die Presse hat sich förmlich auf ihn eingeschossen und wie üblich kommen wieder zahlreiche Leser auf die Idee die negativen Aspekte des Films zu bestätigen. Mich machen solche Hasstiraden ja immer neugierig und als mir ein Freund heute einen kostenlosen Kinobesuch in Aussicht stellte sagte ich nicht nein.

So folgtem wir unserem „SchleFaz“-Gemüt und zogen uns den neuen Heldenfilm rein. Interessanterweise fanden wir beide, dass der Film besser ist als sein Ruf. Hätten wir den Film gesehen ohne die ganzen Kommentare in den Medien gelesen zu haben, wären wir vielleicht auch noch ein bischen unvoreingenommener an den Film herangegangen.

Allerdings konnten wir die Kritikpunkte der Medien und Leser durchaus nachempfinden wenngleich wir aber auch fanden, dass der Film nicht ein solcher Totalausfall war wie er überall dargestellt wird.

Vorgeschichte

Die Geschichte der FantasticFour wurde inzwischen schon mehrfach verfilmt und interessanterweise liegen die Rechte nicht allein bei Disney/Marvel sondern auch bei 20th Century Fox sowie der deutschen Constantinfilm. Diese Verwertungsrechte wären automatisch an Marvel zurückgegangen, hätte man die Lizenz nicht innerhalb von zehn Jahren wieder genutzt. Die letzte Verfilmung „Fantastic Four“ wurde 2005 gedreht, die Fortsetzung „Rise of the Silver Surfer“ 2007. In zwei Jahren wäre die Lizenz also verfallen. Und so muss wohl jemand gedacht haben, dass man schnellstens noch einen Film raushauen sollte um am allgemeinen Superheldenboom zu verdienen.

Dummerweise ist das Ergebnis eher suboptimal und weist ein paar Schwächen auf, die den „Avenger“-Action verwöhnten Fans wohl unangenehm auffielen.

Wer jedoch mit einer lupenreinen Originstory leben kann, der kann hier durchaus Gefallen an dem Film finden. Es wäre sicherlich möglich gewesen einfach einen „Fantastic Four – Teil 3“ zu drehen. Doch damals hatte man sich für Darsteller entschieden, die heute als renommierte Schauspieler bestimmt ein paar Dollar mehr gekostet hätten. Außerdem spielte damals Chris Evans  die Rolle „Die Fackel“ aka Johnny Storm – derselbe Darsteller ist im Marvel Cinematic Universe inzwischen fest als „Captain America“ gebucht. Es hätte da wohl ein paar rechtliche Verwicklungen gegeben und wäre verwirrend gewesen wenn der „Cap“ plötzlich auch noch als „Fackel“ unterwegs ist….

Man entschied sich also für jüngere Darsteller, mehr noch, der Darsteller des Johnny Storm, Michael B. Jordan, ist zudem auch noch Schwarzer, was in sofern umso verwirrender ist weil seine Kollegin „Die Unsichtbare“ (Kate Mara) ja eigentlich seine Schwester Sue Storm sein soll.

Charakterposter

Bild: 20th Century Fox

Charaktere

Auch wenn die Wahrheit unbequem ist: Ohne gute Charakterchemie ist selbst der spektakulärste Film absolut seelenlos. Die Zuschauer wollen mit den Figuren mitfiebern. Man will sie sympathisch finden – auch wenn sie sich beleidigen oder Streiche spielen. Das macht die Figuren menschlich und amüsant.

In den früheren Filmen gab es einige neckische Spielchen zwischen Johnny und Ben Grimm („Das Ding“), die auch in den Comics vorkommen. Das sind jedoch Details, die uns die Charaktere näherbringen. Leider ist davon in der ganzen Neuauflage nichts zu spüren. Alle Figuren sind mit absoluter Ernsthaftigkeit unterwegs – gerade von Youngstern würde man etwas mehr jugendlichen Schabernack erwarten. Ausgerechnet das „Ding“, komplett im Computer erzeugt, vermag so etwas wie Gefühle auszudrücken. Dabei fiel frustrierten Fans auf, dass Schauspieler Jamie Bell eigentlich viel zu schmächtig ist um Ben Grimm darzustellen. Allerdings fällt das hier nicht ins Gewicht, weil sein Schauspiel per Motioncapturing auf die CGI-Figur übertragen wurde (Bell hat damit ja Erfahrung – Er spielt auch das lebende Mocap-Vorbild von Tim aus den „Tim und Struppi“-Verfilmungen).

Der Bösewicht „Doctor Doom“ taucht, bedingt durch die Handlung erst eine Viertelstunde vor Ende des 90-minütigen Films auf. Nicht viel Zeit um sich als Bösewicht zu etablieren. Bevor er mal wieder die Welt vernichten will sehen wir ihn ja noch als „Victor van Doom“ als Teampartner. Interessanterweise scheint er während der Vorbereitungsphase der „normalste“ Mensch im Team zu sein und man bedauert eigentlich, dass sein Schicksal, Bösewicht zu werden, schon vorher feststeht.

Wenn er schließlich zum Bösen mutiert ist wird er durch eine CGI-Figur ersetzt und darf einmal bedrohlich durch einen Gang laufen. Dabei nutzt er seine Kräfte zu einigen unschönen Splattereinlagen, die dem Film eine ungewöhnlich brutale Note geben.

Charakterposter Reed Richards (Mister Fantastic)

Bild: 20th Century Fox

Die Dramaturgie

Ich schrieb es schon eingangs, dass der Film nicht der üblichen Nonstop-Action Maxime der anderen Marvel-Filme folgt. Wo andere Werke die Figuren innerhalb von 30 Minuten einführen nimmt sich der Film fast eine Stunde Zeit um die komplette Herkunftsgeschichte der Figuren unter die Lupe zu nehmen.

Dabei wird durch einen Zeitsprung auch noch die Phase übersprungen, in denen unsere Helden ihre Superkräfte zu kontrollieren lernen. Das wird zwar oft kritisiert, ist aber nicht unbedingt schlecht und passt zum Ton des restlichen Films. Schade nur, dass der Film davor sich unendlich viel Zeit nimmt um die Entwicklung des Teams zu zeigen, dann aber nur in einer kurzen Montage abhandelt wie das Militär sie unter ihre Fittiche nimmt und „Das Ding“ von vornherein als Kampfmonster in Krisengebieten einsetzt. Allerdings hätte es wohl sehr viel Zeit benötigt die drei verbliebenen Helden (Gummimann Reed ist zu diesem Zeitpunkt aus dem Labor ausgebrochen) in ihrer Entwicklung zu zeigen.

Fans werden sicherlich auch mit Grausen sehen, dass die Autoren den Grund für die Superkräfte mal wieder komplett ummodeln. Statt von Strahlung in einer Raumstation gebruzzelt zu werden (wie es auch der Film von 2005 macht), erfindet Reed Richards ein Portal in eine Paralleldimension, wo man von fremden Energien beschossen wird.

Das Portal ist dann gleichzeitig auch Dramafaktor als erst das Militär versucht das für sich zu nutzen und dann Doom um einen interdimensionalen Staubsauger zu bauen, der das Material der Erde ansaugt um daraus „seinen“ Planeten zu terraformen. Merkwürdiger Plan….

Man merkt dem Film an, dass man wohl einen Zweiteiler im Sinn hatte: Ein Teil, der sich auf die Herkunft der Charaktere und deren Kräfte konzentriert. Und ein zweiter, in dem es dann zur Sache geht. Ob die für 2017 geplante Fortsetzung es jedoch noch auf die Leinwände schafft ist fraglich. Die Einspielergebnisse blieben nach den Presseberichten und der Mundpropaganda eher sehr bescheiden.

Charakterposter Johnny Storm („Die Fackel“)

Bild: 20th Century Fox

Der Regisseur und seine Arbeit

Vor ein paar Jahren überraschte der unabhängige Regisseur Josh Trank mit einem Film namens „Chronicle – Wozu bist Du fähig?“. Darin geht es um eine Gruppe von jungen Menschen, die mit ihrer Videokamera filmen, wie sie in eine Höhle eindringen, aus der ein unheimliches Leuchten dringt. Nach dem Besuch der Höhle entdecken sie an sich ungeahnte Superkräfte und halten sämtliche Experimente mit ihrer Videokamera fest. Der Film wies erstaunlich hochwertige Tricks auf und hat wohl die Gewaltigen bei 20th Century Fox inspiriert diesen jungen (und billigen) Regisseur mit dem Film „Fantastic Four“ zu betrauen.

Allerdings konnte man in den Pressemeldungen verfolgen, dass das Studio dem jungen Regisseur wohl ziehmlich zugesetzt hat und immer wieder mit Änderungsverfügungen ankam. Der Film an sieht an sich recht professionell aus. An der reinen Inszenierung gibt es nicht viel auszusetzen. Allerdings scheint der Regisseur und sein Autor noch wenig Erfahrung darin zu haben sympathische, charismatische Figuren zu entwickeln.

Wir hatten im Kino den Eindruck, dass der Film zwar eine eindeutige Richtung vorgab, in den Details aber arg Feinschliff benötigte. Dazu zählt die Zahl der Sets und der Maßstab. So gut wie Alles wurde im Studio gedreht und man hat nur selten die Möglichkeit einen Blick auf eine epische, breite Landschaft zu werfen.

Und so bleibt das Gefühl, dass man einerseits kräftig am Budget gespart hat und andererseits der Regisseur eher zum Spielball der Produzenten geworden ist, als seine eigene Vision der Sache realisieren zu können.

Charakterposter Sue Storm („Die Unsichtbare“)

Bild: 20th Century Fox

Die Spezialeffekte

In einigen Foren ist zu lesen, dass die Effekte nicht so gut seien. Diesen Eindruck hatten wir eigentlich nicht. Allerdings schien es so zu sein, dass das Team mit eher vereinfachten Sets arbeitete. Die Darstellung des fremden Planeten könnte schöner sein. Aber ansonsten sind eigentlich alle Effekte recht gut gelungen.

Dazu zählen auch die animierten Charaktere. Am besten ist da „Das Ding“ geraten. Man merkt hier, dass die Effektkünstler sich sehr viel Mühe gegeben haben aus dem steinernen Monster so etwas wie Emotionen herauszuquetschen. Merkwürdigerweise wirkt diese Figur dadurch lebendiger als die eigentlichen Schauspieler, denen man wohl den Emotions-Chip herausoperiert hat. Auch ein Affe, der zu Testzwecken in die andere Welt geschickt wird, hat mehr Emotionen als die anderen Akteure.

Bei Dr.Doom ist das Gesicht zwar unbeweglich, aber man kann bei den Szenen eigentlich kaum erkennen, ob man einem Schauspieler zusätzliche CGI-Elemente aufgerendert hat oder ob die Figur gänzlich aus dem Computer stammt. Die visuellen Effekte bei der Zerstörung der irdischen Landschaft sind sehr eindrucksvoll, auch wenn man sich arg wenig Zeit lässt die Szenen richtig auszukosten.

Das Finale wirkt sehr gehetzt und als Zuschauer hat man bei den raschen Schwenks und Detailreichtum wenig Chancen die Bilder in sich aufzunehmen. Ein  Problem, dass Effektstudios heutzutage allgemein haben. Dazu zählt auch der finale Kampf der Fantastischen Vier mit Dr.Doom.

Man wirft sich ständig durch die Gegend bis man den Bösewicht einfach in einen Lichtstrahl wirft, in dem er dann verschwindet. Alles geht viel zu schnell und ist nicht unbedingt gut choreografiert.

Außerdem hätte man sich gewünscht, dass der Bösewicht früher auf den Plan getreten wäre und es zu mehreren Aufeinandertreffen gekommen wäre. Dann hätte das Effekteteam mehr zu tun bekommen. Interessanterweise taucht im Trailer eine Szene auf, in der „Das Ding“ Panzer durch die Luft wirbelt. Dies ist im Film nur als Nachrichtenclip auf TV-Bildschirmen zu sehen und gar kein Bestandteil des eigentlichen Filmes. Hier hat wohl eher der Sparstift das Zepter geschwungen…..

Charakterposter Ben Grimm („Das Ding“)

Bild: 20th Century Fox

Fazit:

Auch wenn meine Analyse des Filmes eher so klingt, als wollte ich den Film, wie die anderen Reviewer, in der Luft zerreißen, so möchte ich doch eher ein neutrales Fazit ziehen. Dass der Film nicht gut ist, das bleibt unbestritten. Er hat zuviele Elemente, die den Fans sauer aufstoßen.

Mir persönlich ist es egal, ob die Herkunft der F4 sich an den Ur-Comics orientiert oder an den „Ultimate Fantastic Four“, wo wohl das Alter und die Superkräfte ähnlich erklärt wurden. Dass von der Ur-Geschichte weit abgewichen wurde scheint eher vom Studio ausgegangen zu sein als vom Regisseur und Autorenteam. Überhaupt merkt man dem Film an, dass Josh Trank offenbar so sehr außen vor war, dass er die Handlungselemente eher lustlos inszeniert hat.

Da war sein Debütfilm „Chronicle“ wesentlich interessanter, auch wenn es als „Found Footage“ Film konzipiert war. Der damalige Film bestach aber durch erstaunlich hochwertige Effekte und weist handlungstechnisch einige frappierende Ähnlichkeiten auf. Es tut mir für den Regisseur leid wenn man ihn nur als Handlanger eingestellt hat und seine ursprüngliche Vision vom Film nicht realisieren konnte.

Insgesamt wirkt der Film ein wenig altmodisch. Lässt man alle Kritikpunkte mal beiseite und schaut sich den Film unbelastet an, dann bleibt ein 90-minütiges Werk, das die Herkunft der Hauptfiguren und deren Kräfte darstellt und blöderweise ja noch etwas Action am Ende brauchte damit es ein „runder“ Film wird.

Als Pilotfilm fürs Fernsehen hätte das auch gut funktioniert. So drängt sich der Eindruck auf, dass CentFox von vornherein vorhatte einen Zweiteiler auf den Markt zu bringen und doppelt abzukassieren indem man einen Origin-Film und einen regulären Actionfilm produzierte. Ähnliches gab es mit den ersten beiden Superman-Filmen aus den frühen Achtzigern.

Halten wir also fest:

Eigentlich ist der Film handwerklich gut gemacht. Seine Dramaturgie ist nicht auf der Höhe der Zeit. Da, wo ein moderner Film noch eine Stunde Laufzeit drauflegt, bricht der Film hier ab. Die Charakterzeichnung ist zu düster und humorlos und man bekommt eigentlich nur in den Schlussminuten – wenn es um die Findung des Namens geht – den Eindruck, dass man jetzt ein Team vor sich hat. Das ist das große Manko des Films. Hätte man mehr Wert auf ein herzliches Verhältnis der Figuren gelegt, dann würde der Film einen anderen Eindruck hinterlassen.

Es ist schade, dass die „Fantastischen Vier“ bei allen Verfilmungen meist hinter den Erwartungen zurückbleiben. Dabei gilt das Team in der Comicwelt doch eigentlich als Aushängeschild des Marvel-Universums. Der aktuelle Film übertreibt es mit der Ernsthaftigkeit so sehr, dass man beinahe dem Billigfilm von Bernd Eichinger von 1993 mehr Gegenliebe entgegenbringt als dem teuren Film von 2015.

Fantastic Four 2015
26
Dramatik
23
Humor
55.5
Optik
51.5
Musik/Sound
49.5
Drehbuch/Regie
Gesamtwertung 41.1
Zusammenfassung
Der Film leidet eindeutig darunter, dass man Regisseur Josh Trank zuviel diktierte als eine eigene Vision zu entwickeln. Man hat den Eindruck die erste Hälfte eines längeren Films zu sehen. Die Figuren wirken in jeder Szene genervt und schlecht gelaunt. Es werden weder Späße gemacht, noch wird dem Zuschauer sonstiger Humor zugemutet. Wäre der Film ohne das Überangebot von Konkurrenzfilmen auf dem Markt, dann würde das Urteil möglicherweise besser ausfallen, doch so wünscht man sich, dass CentFox es bei dem einen Film belässt.

Verfilmung aus dem Giftschrank:

Bernd Eichinger erwarb 1983 die Rechte an den „Fantastischen Vier“ und beauftragte 1992 das Studio von Roger Corman mit der Umsetzung des Stoffes. Budget: 1 Million Dollar. Gerüchten zufolge hat Eichinger den Film nur drehen lassen um die Rechte an dem Film nicht verfallen zu lassen. Am 31.Dezember 1992 wäre die Lizenz verfallen wenn man nicht mit der Produktion begonnen hätte.

Einer der Verantwortlichen bei Marvel, Avi Arad, bot an die Kosten für die Herstellung des Films zurückzuerstatten damit der Billigfilm nicht das Franchise versaue. Er verlangte, dass alle Kopien zerstört werden sollten. Die Schauspieler und der Rest der Crew wurden indessen im Unklaren gelassen und man sah einer Premiere des Filmes am „Labour Day“ 1993 entgegen. Doch dazu kam es nie – allerdings sind inzwischen Bootlegs bei youTube aufgetaucht.

Besetzung: Alex Hyde-White (Reed Richards), Jay Underwood (Johnny Storm), Rebecca Staab (Sue Storm), Michael Bailey Smith (Ben Grimm).

Crew: Oley Sassone (Regie), Steven Rabiner (Produzent), David & Eric Wurst (Komponisten)

Postermotiv

Bild: Neue Constantinfilm Production