Tatort "Der Große Schmerz" und "Fegefeuer"

Inhalt:

In diesem Zweiteiler werden Nick Tschillers Tochter und seine Ex-Frau entführt damit er einen türkischen Gefangenen befreit. Dabei wird er in einen Strudel von Gewalttaten gerissen, die das eine oder andere Opfer verlangen. Als dann auch noch die Redaktion der ARD-Nachrichten als Geisel genommen wird beginnt ein Countdown zu ticken. Nick kann nur mit dem türkischen Mafiaboss untertauchen und wird von allen Seiten gejagt.

Nick gräbt etwas aus.

(Bild: ARD)

Analyse:

Wenn Til Schweiger in Hamburg ermittelt fliegen die Fetzen. Er ist kein normaler LKA-Beamter, der sich penibel an die Vorschriften hält – vor Allem nicht wenn es um seine eigene Familie geht. Der Schauspieler versprach im Vorwege „Action a la Hollywood“ und dementsprechend kracht und scheppert es an allen Enden. Schießereien, Autoverfolgungsjagden und Explosionen sowie eine Story, die sich kaum Zeit für Atempausen nimmt. Das Versprechen wurde tatsächlich gehalten. Für einen Tatort ist diese Orientierung ungewöhnlich wenngleich man ein paar Abstriche machen muss.

Die Geschichte, die diesmal erzählt wird ist am ehesten mit „24“ mit Kiefer Sutherland vergleichbar. Eine Familie, die entführt wird um einen Mafiaboss aus dem Knast zu holen. Und später von Polizei und Verbrechersyndikaten gejagt zu werden, all dies gab es bei „24“ auch. Til Schweiger wird immer gern als „deutscher Bruce Willis“ gehandelt. Hier wirkt er aber eher wie ein „deutscher Kiefer Sutherland“. Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied zwischen den Beiden. „Jack Bauer“ wirkt bei all seinen Aktionen sehr vielschichtig, trotz seiner Gewaltbereitschaft immer noch sympathisch. Leider kann man das von Herrn Schweiger nicht behaupten. Es ist schade, dass die Geschichte es ihm nicht erlaubt auch menschliche Züge zu zeigen. Im ersten Teil des Tatorts „Der große Schmerz“ blitzt nur kurz etwas wie Emotion auf wenn er seine Tochter befreien kann. Ansonsten läuft Nick Tschiller ständig miesgelaunt durch die Gegend und verspielt damit jegliche Sympathiepunkte, die man für die Figur haben könnte. Lediglich sein türkischer Partner Yalcin Gümer (Fahri Yardim) ist eine Identifikationsfigur für den Zuschauer.

Es ist schon etwas befremdlich wenn man kaum Mitgefühl für die Hauptfiguren aufbringen kann. Und so prasselt das Actionfeuerwerk auf den Zuschauer ein ohne jemals wirklich das Gefühl von Gefahr zu vermitteln. Dabei kann man der Produktion durchaus zugestehen, dass die Actionmomente gelungen sind und sich nicht hinter amerikanischen Vorbildern verstecken müssen. Auch Kampfszenen sind in deutschen TV-Serien eher selten und so darf Til Schweiger auch schon Mal die Fäuste sprechen lassen. Diese sprechen dann eine deutliche Sprache, was bei den Dialogen leider nicht immer der Fall ist. Man hat schon viel über Schweigers Nuscheln geschrieben und es gab auch hier so einige Szenen, in denen das vorkam. Allerdings hatten auch die anderen Charaktere ständig etwas heimlich zu besprechen und flüsterten und raunten sich etwas zu. Wenn man dann noch die türkischen und russischen Figuren berücksichtigt, deren Deutsch manchmal nur gebrochen rüberkam, dann hat man als Zuschauer doch so seine Probleme den Dialogen zu folgen. Ich hätte vielleicht doch die Untertitel einschalten sollen…

Selbst die groß angekündigte Helene Fischer, die als Auftragskillerin eigentlich eine gute Figur machte, durfte nur in gebrochenen Deutsch palavern und ansonsten russische Brocken von sich geben. Ihr Auftreten als Killerin war nicht schlechter als die Performance so mancher anderen Laiendarsteller, die als Randfiguren auftraten. Da fiel schon Til Schweigers Tochter eher negativ auf. Aber das sind Details, die nicht unbedingt ins Gewicht fallen.

Viel schlimmer war in meinen Augen, dass man sich zwar fleißig aus dem Fundus von Actionfilmen bediente, dafür aber das Gesamtbild irgendwie nicht stimmte. Ein eher unsympathischer Hauptdarsteller, sehr viele klischeebehaftete Bösewichte und dazu noch ein Colorgrading der besonderen Art. Das Einfärben von Szenen ist leider in der heutigen Zeit zu einem Stilmittel geworden, das den Zuschauer eher auf Distanz hält als dass es ihm Zusatzinformationen vermittelt.

Warum muss das Polizeihauptquartier im goldgelben Look eingefärbt sein? Warum werden Schauplätze, wo es düster zugeht immer türkis oder blau gefärbt? Es spricht nichts dagegen Szenen dezent farbzukorrigieren. Aber dieses auffällige Einfärben der Szenen ist kontraproduktiv. Das ist zwar kein rein deutsches Problem, aber es stört mich jedes Mal wenn es mir derart deutlich vorgeführt wird.

Ein anderes Problem, das ich hier sehe, ist der fehlende Humor. In den „Stirb Langsam“-Filmen mit Bruce Willis hatte der Hauptdarsteller immer einen lustigen Spruch auf den Lippen und auch wenn er dutzendweise Terroristen umbringen musste, so konnte man sich doch mit ihm identifizieren. Herr Schweiger steht so oft in der Kritik wegen seines stoischen Spiels. Andererseits kann er in Komödien durchaus auch lustig sein. Warum hat man die Figur des Nick Tschillers so bierernst gemacht, dass es aussieht, als ob Tschiller nur zwei Gesichtsausdrücke drauf hätte? Was könnte der Hamburger Tatort für ein Erfolgsmodell sein, wenn man Tschiller als sarkastischen Typen konzipiert hätte, der ein paar ulkige Oneliner drauf hätte? Er würde schlagartig sympathischer rüberkommen. Stattdessen erschießt er zwei Handys anstatt sie zu zertreten. Soll das etwa witzig sein?

Wenn ich sagen sollte, welche Szenen mir beim zweiten Teil „Fegefeuer“ am besten gefallen haben, dann müsste ich sagen: Die Szene als man den korrupten Senator mithilfe von fingierten SMS unter Druck setzte bis dieser am Ende die Konsequenzen zog. Dabei spielte Nick Tschiller allerdings keine Rolle, sondern sein türkischer Partner und eine Mitarbeiterin aus dem Hauptquartier. Das sagt eigentlich schon alles.

Nun schickt sich Til Schweiger an mit einem dritten Teil namens „Off Duty“ im Kino den Oberbösewicht endgültig das Handwerk zu legen. Sicher werden wieder zahlreiche Schweiger/Tschiller-Fans ins Kino gehen um den (Anti-)Helden im exotischen Ambiente zu erleben. Ich werde jedoch mein Geld lieber selbst behalten…..

 

Störe meine Kreise nicht,
Sonst werde ich noch böse, Wicht!

(Bild: ARD)

Wieder vereint. Nick und Familie

(Bild: ARD)

Leichen pflastern seinen Weg

(Bild: ARD)

Ines Kalloway schickt SMS

(Bild: ARD)

Helene kann auch anders!

(Bild: ARD)

Yalcin Gümer kann genauso!

(Bild: ARD)

Credits

Besetzung:

  • Nick Tschiller     Til Schweiger
  • Yalcin Gümer     Fahri Yardim
  • Lenny     Luna Schweiger
  • Isabella Schoppenroth     Stefanie Stappenbeck
  • Holger Petretti     Tim Wilde
  • Ines Kallwey     Britta Hammelstein
  • Constantin Revenbrook     Arnd Klawitter
  • Firat Astan     Erdal Yildiz
  • Hanna Lennerz     Edita Malovcic
  • Aleksej Brotzki     Sascha Reimann
  • Leyla     Helene Fischer

Team

  • Musik:     Martin Todsharow
  • Kamera:     Jakub Bejnarowicz
  • Buch:     Christoph Darnstädt
  • Regie:     Christian Alvart